Mein Freund

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Ein merkwürdiger Text von Khalil Gibran (aus: „Der Narr“ – Lebensweisheiten in Parabeln)

Mein Freund, ich bin nicht dein Freund. Mein Schein ist bloß ein sorg­fältig ge­wo­benes Kleid, das ich trage, um mich vor deinen Fra­gen und dich vor meiner Gleich­gültig­keit zu schützen. Das „Ich“ in mir, mein Freund, wohnt in dem Haus der Stille. Dort soll es blei­ben, immer­dar, uner­kannt – und unnah­bar. Du sollst meinen Wor­ten keinen Glau­ben schenken und sollst meinem Tun miss­trauen – denn meine Worte sind nur das Echo deiner Ge­danken und meine Taten bloß deine ver­wirk­lichten Wünsche.

Sagst du: „Der Wind weht von Osten“, so sage ich: „Ja, er weht von Osten“. – Du sollst nicht wissen, dass nicht der Wind meinen Sinn bewegt, sondern die See. Du kannst meine see­fahrenden Ge­danken nicht erraten. Ich will mit der See allein sein. Wenn für dich Tag ist, mein Freund, ist für mich Nacht. Und doch rede ich von Mittags­glanz, der über den Hügeln tanzt, und von dem Purpur­schatten, der sich durch die Täler stiehlt. Du kannst die Lieder meiner Fins­ternis nicht hören und siehst nicht, wie meine Flügel gegen die Sterne schlagen. – Du sollst nicht sehen und sollst nicht hören. Ich will mit der Nacht allein sein.

Wenn du in deinen Himmel auf­steigst, steige ich in meine Hölle hinab – und sogar dann noch rufst du über den un­über­brüc­kbaren Golf: „Mein Gefährte, mein Kamerad!“, und ich rufe zurück: „Mein Kamerad, mein Gefährte!“, denn du sollst meine Hölle nicht sehen! Die Flamme würde dir das Augen­licht ver­brennen und der Rauch deine Nüstern schwären. Ich liebe die Hölle zu sehr, als dass du sie besuchest. Ich will in der Hölle allein sein. Du liebst die Wahr­heit, die Schön­heit und das Recht. Um deinet­willen heiße ich dies alles auch gut. In meinem Herzen aber lache ich über deine Liebe. Doch du sollst mein Lachen nicht hören. Ich will alleine lachen.

Du bist gut, mein Freund, behut­sam und weise. Nein, voll­kommen bist du! – Und ich: ich rede behut­sam und weise mit dir. Und doch bin ich ein Narr. Aber ich habe meine Narr­heit mas­kiert. Ich will in meiner Narr­heit allein sein. Mein Freund, du bist nicht mein Freund. Wie kannst du das ver­stehen? Mein Weg ist nicht dein Weg, und doch gehen wir gemein­sam, Hand in Hand.

Gedanken dazu

Ein Mensch, der sich vor seinem Freund ver­bergen will. Der seine Geheim­nisse für sich behal­ten will. Der seine inner­sten Re­gungen und Sehn­süchte und Ab­gründe nicht dem Men­schen, den er einen Freund nennt, zeigen will. Merkwürdig! Bemerkenswert! – Das "Ich" in mir, mein Freund, wohnt in dem Haus der Stille. Dort soll es bleiben, immer­dar, uner­kannt - und unnah­bar.

Ein Mensch, der sich ver­stellt, der sei­nem Freund nach dem Mund redet wie ein Echo, um sein wah­res Inneres nicht zeigen zu müssen. Ein Mensch, der seinem Freund diese Dif­fe­renzen, dieses fun­damen­tale Anders-sein, ihr Leben in ver­schie­denen Wel­ten, ver­bergen will. Ein Mensch, der die Ideale des Freun­des nicht teilt, sogar da­rüber lacht (wenn auch heim­lich). Ein Mensch, der sein Narr-sein ver­birgt. Ein Mensch, der in seinem Inners­ten, Wesent­lichs­ten allein sein will.

Kann er dieses Innerste nicht teilen, darf er dieses Innerste nicht teilen? Muss er seinen Freund schonen? Vor Un­er­träg­lichem bewahren?

Mit Rilke? – «Daß wir wirk­lich un­end­lich allein sind, jeder, und un­er­reich­bar bis auf sehr seltene Aus­nahmen, damit muss man sich ein­richten.» – und – «Die Ein­sam­keit ist im Grunde nichts, was man wählen oder lassen kann. Wir sind einsam. Man kann sich da­rüber täuschen und tun, als wäre es nicht so. Das ist alles.»

Und der Narr weiß von dieser Ein­samkeit, von diesem eigent­lichen Uner­reich­bar-Sein und wählt es daher mit voller Ab­sicht? – "Mein Schein ist bloß ein sorg­fältig ge­wo­benes Kleid .." Eine mit Ab­sicht auf­gebaute Fassade?

Zitate: Eigen-Sein, Allein-Sein, Stille aufsuchen und Rückzug

«Denn der Raum des Geistes, dort, wo er seine Flügel öffnen kann, das ist die Stille
Antoine de Saint-Exupery

«Das ewige Wort wird nur in der Stille laut.»
Meister Eckhart

«Die großen ewigen Wahr­heiten lassen sich nicht durch mensch­liche Worte mit­teilen; viel­mehr wählen sie das Schwei­gen als Brücke zwi­schen den See­len.»
Khalil Gibran

«Einsamkeit ist der Weg, auf dem das Schick­sal den Men­schen zu sich selber führen will.»
Hermann Hesse

«Wir müssen die Wahr­heit in uns selbst ent­decken nach einer Reise durch die Wild­nis, die nie­mand uns er­sparen kann.»
Marcel Proust

«Ver­lass von Zeit zu Zeit die Men­schen, such die Ein­sam­keit, um im Schwei­gen und an­hal­ten­den Gebet deine Seele zu erneu­ern.»
Carlo Carretto

«Eine gute Ehe ist die, in der der eine den an­deren zum Schutz­engel seiner Ein­sam­keit be­stellt!»

«Das Allein­sein stellt zunächst nur eine Art see­lischen Gips­ver­band dar, in dem etwas heilt.»
Rainer Maria Rilke