Liebt das Böse – gut!
Allen Bruder sein!
Allen helfen, dienen!
Ist, seit er erschienen,
Ziel allein!
Auch dem Bösewicht,
der uns widerstrebet!
Er auch ward gewebet
einst aus Licht.
«Liebt das Böse – gut!»
lehren tiefe Seelen.
Lernt am Hasse stählen –
Liebesmut!
«Brüder!» – Hört das Wort!
Dass es Wahrheit werde –
und dereinst die Erde
Gottes Ort.
Christian Morgenstern
In Anlehnung an und zitierend einen Text von Sebastian Lorenz in der Zeitschrift "Das Goetheanum" (Juli 2020)
„Der andere Mensch ist – von den Zeiten des Kain bis heute – zugleich der Bruder und auch der Wirkungsort des Bösen. Nur vom Mitmenschen, der zum Werkzeug böser Mächte wird, gehen die illegitime Gewalt und das Leid und der Hass aus: Denn auch die bösen geistigen Wesen bedürfen des Menschen, um im Erdenleben wirksam zu werden.“ …
… „Morgenstern erinnert daran, dass jeder Mörder, Folterer und Unhold einst ein zartes Neugeborenes war, ein Menschenkind aus Licht gewebt, umsorgt und hoffentlich geliebt. Zu diesem Erinnern an das Zarte und Feine im Bruder sollen, so der Dichter, das Dienen und Helfen hinzukommen.“ …
… „Das Böse berühren, in sich aufnehmen, innen lösen und verwandeln ist offenbar die geforderte, neue Art des Umgangs. Dass das nur mit Opfersinn und mit Liebe aus Freiheit geschehen kann, ist selbstredend. Denn ein mir aufgezwungenes Leid, Gewalt und Unfreiheit lassen mich auf eine Art in Berührung mit dem Bösen kommen, die meine Motivbildung umgeht und die mir die Kräfte raubt, die ich liebend dieser Aufgabe widmen will.“
Oder wie Hanns-Dieter Hüsch? … dem Bösen, den Kriegern entgegen gehen, eine Tiefebene voll Höflichkeit sein? Diese freundliche, aber standhafte Art der Begegnung mit dem Bösen, dem Aggressiven scheint mir auch schon bei Mahatma Gandhi ein Prinzip zu sein.
Wir erwidern Hass und Kampf nicht mit Hass und Kampf. Wir nehmen dem Hass und dem Bösen den Wind aus den Segeln. Wir sind eine Tiefebene der Höflichkeit und überraschen unser Gegenüber mit unerwarteter Freundlichkeit. Wir brechen die Aggressivität, das Böse auf und hüllen sie ein mit Freundlichkeit, mit Höflichkeit — mit Liebe. Und dafür nehmen wir auch Leid und Ungerechtigkeit in Kauf.
Das Böse nicht abwehren, ausgrenzen, sondern umarmen, aufnehmen, absorbieren, auflösen …
Wie in asiatischen Kampfsportarten weichen wir federleicht aus, gebrauchen den Schwung des Gegners, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Das Böse ist nicht "böse an sich", sondern das Gute am falschen Ort, das Gute zur falschen Zeit?
