Bei den Gehirnforschern, den Gehirnphysiologen, den Neuro-Biologen besteht weit verbreitet die Auffassung, dass „eigentlich“ die Datenströme im Gehirn, die elektrischen, die bio-chemischen Ereignisse im Gehirn „real“ das Bewusstsein, die Psyche, eine Seele verursachen. Und dass insofern „eigentlich“ nur diese elektrischen, die bio-chemischen Ereignisse im Gehirn „real“ sind und das Bewusstsein und die Psyche eine Illusion sind.
Das Gehirn wird gesehen als ein hoch-komplexes Organ, das von der Evolution in vollkommener Bewusstlosigkeit hervorgebracht worden ist und nun in der Lage ist, ein Bewusstsein zu erzeugen oder vorzugaukeln. Das Gehirn ist der Akteur (nicht der Mensch), und so sind Formulierungen möglich wie: „das Gehirn denkt“, „das Gehirn will es immer am besten machen“ oder der Buchtitel „Wie das Gehirn die Seele macht“.
„Tatsächlich“ gibt es in dieser Denkweise dieses Bewusstsein nicht, und so behauptet es also der radikale Reduktionismus. Und damit leugnet er auch die Realität von Gefühlen, die Realität der Persönlichkeit, die Realität der Willensfreiheit. – „Tatsächlich“ laufen (in diesem reduktionistischen Menschenbild) nur bio-chemische, physiologische also „ganz natürliche“ Prozesse ab, die das Bewusstsein von einer Persönlichkeit, das Bewusstsein von Gefühlen oder die Empfindung einer Willensfreiheit „vorgaukeln“. „Real“ sind nur diese natürlichen Prozesse, die natürlich kein Bewusstsein haben.
Es ergeben sich Fragen:
Wem wird diese Illusion eines Bewusstseins vorgegaukelt? Dem Gehirn? (das ja selbst bewusstlos ist als zwar komplexes aber doch natürliches Organ mit rein natürlichen, physiologischen Prozessen). Kann einem zwar hoch-komplexen, aber doch bewusstlosen Apparat etwas vorgegaukelt werden? Nein!
Es läuft auf Folgendes hinaus:
Für wen ist das Bewusstsein eine Illusion? – Also: Der Gehirnforscher kommt zu dem Schluss, dass das Bewusstsein eine Illusion ist und real nur die physiologischen Gehirnprozesse sind. Die Persönlichkeit „Gehirnforscher“, die ein Bewusstsein von sich hat, kommt zu dem Schluss, dass das Bewusstsein und die Persönlichkeit „Gehirnforscher“ eine Illusion sind. Und dem Gedanken des reduktionistischen Gehirnforschers vollständig folgend: Das Gehirn, das ein natürliches, physiologisches Organ ohne Bewusstsein ist, erzeugt die Illusion eines Bewusstseins „Gehirnforscher“ und kommt als diese Bewusstseins-Illusion zu dem Schluss, dass dieses Bewusstsein des „Gehirnforschers“ eine Illusion ist.
Der Illusion eines Bewusstseins kommt die Erkenntnis, dass es eine Illusion ist. Der Illusion eines Bewusstseins wurde vorgegaukelt, dass es ein Bewusstsein wäre. Und das von einem bewusstlosen Apparat/Organ „Gehirn“. Oder: die Illusion eines Bewusstseins kommt selbst irrtümlich auf die Vorstellung ein Bewusstsein zu sein.
Reduktionismus und Transhumanismus
Wenn man das Bewusstsein und all die Leistungen unseres Bewusstseins (Gefühle, Denken, Problem-Lösung, etc.) vom Gehirn verursacht denkt, dann macht es natürlich Sinn, dieses Organ Gehirn zu optimieren, um die Leistungen zu steigern.
Was die künstliche Intelligenz in Handys, in Computern und großen Rechenzentren schon leistet, lässt sich durch Verknüpfung mit dem menschlichen Gehirn gleich in den Menschen implantieren. – Es entsteht die Fantasie des Transhumanismus von einem Menschen, der weit über den derzeitigen Homo sapiens hinaus zu fantastischen Rechenleistungen, zu fehlerfreien Entscheidungen, zu schnelleren Denk- (Rechen)-operationen in der Lage ist, der schneller und fehlerfreier auf (s)ein Gedächtnis, auf Wissensspeicher zugreifen kann.
Die Transhumanisten sind überzeugt, dass dieses Cybor-Wesen dann dem heutigen Homo sapiens unendlich überlegen sein wird. Wer sich dieser Entwicklung verschließt, bleibt eben zurück – auf der Homo-sapiens-Stufe.
Obwohl der Reduktionismus radikal zu Ende gedacht zu der Erkenntnis führt, dass das menschliche Bewusstsein und die menschliche Persönlichkeit eine Illusion sei (siehe oben), ignorieren die Transhumanisten diese Erkenntnis dann aber auf sich selbst gewandt gerne und frönen in einem „naiven Realismus“ ihrer Persönlichkeit, wollen ihr durch Verknüpfung mit Massenspeichern, Künstlicher Intelligenz und Computertechnologie Ewigkeit und Macht und Herrlichkeit bereiten. – Da sind sie dann gerne inkonsequent, weil sie ihre Persönlichkeit, ihr bewusstes Dasein und ihre unbegrenzten Freiheiten und Machtmöglichkeiten lieben (und für real halten möchten). – Bei der Umsetzung der Entwicklung dieser Macht- und Unsterblichkeits-Fantasien setzen sie dann wieder auf das reduktionistische Menschenbild, indem sie glauben, den Menschen als eine „Maschine mit Rechenzentrum“ verstehen und durch Hard- und Software-Entwicklungen voran bringen zu können.
So glauben die Transhumanisten auch, dass man dann ein menschliches Bewusstsein auf Speichermedien ablegen kann, dass man ein menschliches Bewusstsein – wenn es warum auch immer verloren ging – wieder herstellen oder updaten kann.
Hardware-Optimierung
Was bei Betrachtung dieser Fantasien auffällt: – Zur Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins und seiner Fähigkeiten wird nicht auf eine innerliche Bewusstseinsentwicklung aus sich heraus gesetzt (Übung von Konzentration, von Gedächtnisleistung, etc.), sondern auf eine Verbesserung der „Hardware“ Gehirn bzw. Gehirn-Computer-Verknüpfung. Keine geistige, mentale Anstrengung mehr, kein Erlernen von Fertigkeiten und Fähigkeiten, kein Erarbeiten von Erfahrungen und Kenntnissen. – Einfach ein besserer Zugriff auf Computer-Rechenleistung oder auf Speichermedien …
So wie jetzt auch schon zur Leistungssteigerung im Beruf und im Sport auf Drogen gesetzt wird, zur Verbesserung von Lernleistungen auf Ritalin oder andere Substanzen.
„Hardware-Defekte“ beseitigen
Bei vielen seelischen Problemen wird auch heute schon gerne auf ein Psychopharmaka gesetzt, mit der wissenschaftlichen Überzeugung dahinter, dass da ja wohl etwas im Gehirn (in der Hardware) nicht richtig funktioniert. Da werden heute schon seelische Probleme auf gehirn-physiologische Defekte reduziert.
Entmündigung
Schüler werden „entlastet“ , indem sie weniger selbst rechnen, sondern Taschenrechner bzw. Computer nutzen, die Mühsalen des Schreibenlernens werden ausgeräumt, indem ihnen nach der Druckschrift keine Schreibschrift mehr abverlangt wird. Irgendwann wird nur noch in eine Tastatur getippt oder in die Maschine hinein gesprochen. Die Mühen des Autofahrens werden beim „Autonomen Fahren“ genommen, es wird nicht mehr zu Aufmerksamkeit, Konzentration und Umsicht ausgebildet, nein, auch hier übernimmt ein Computer die Arbeit. Was als Erleichterung gedacht ist, wird zu einer Entmündigung des Menschen. Er verkümmert in seinen Fähigkeiten, so dass der Computer nicht mehr übernehmen kann, sondern übernehmen muss.
