Verursacht mein Gehirn mein Bewusstsein? – Verursacht der Wegweiser das Abbiegen des Wanderers?
Die moderne Wissenschaft denkt in Ursache-Wirkung-Bezügen. Und durch die Naturwissenschaft geprägt, die von den realen Stoffen in Physik, Chemie und Biologie ausgeht, werden alle Phänomene so kausal-naturwissenschaftlich betrachtet. Auch alle seelischen, sozialen, emotionalen Phänomene im Geistig-Seelischen des Menschen. – Die Prozesse im Körper, im Gehirn – chemisch, biologisch, neuro-physiologisch – sind in dieser Sichtweise die Ursachen aller emotionalen, aller sozialen, aller kreativen, aller kognitiven Äußerungen des Menschen. – So werden im sogenannten Reduktionismus all diese geistig-seelischen Lebens-Äußerungen (Leistungen, Fähigkeiten, Fertigkeiten) des Menschen zurückgeführt (ursächlich reduziert) auf diese – im weitesten Sinne – physikalischen Prozesse.
Die Wissenschaftler (nicht nur die Laien-Bevölkerung) haben diese Auffassung so sehr verinnerlicht, dass sie sie gar nicht mehr bemerken, dass sie sie als unhinterfragbar, als gegeben voraussetzen. Sie können sie gar nicht mehr hinterfragen (als bezweifelbar wahrnehmen), da sie sie nicht mehr bemerken.
Ursache vs. Bedeutung
Der Wegweiser mit seinem Holz und seiner Farbe weiß nichts von dem, was er „sagt“. Er verursacht nicht die Richtungsänderung des Wanderers. Er beeinflusst nicht das Bewusstsein des Wanderers. Er ist nicht klug, er ist nicht wollend, er ist nicht orientierung-gebend: Das alles war der Mensch, der den Wegweiser hergestellt und beschriftet hat. Der Mensch, der den Wegweiser beschriftet hat, hat der Farbe, den Formen der Zeichen ihre Bedeutung gegeben. Der Leser (der Wanderer) lebt im gleichen Kulturhorizont wie der Hersteller des Wegweisers und kennt auch die Bedeutung der Zeichen.
Der Taschenrechner oder der Computer weiß nichts von dem, was er „sagt“. Er kann nicht „rechnen“, er kann keine Rechtschreibung. Er ist komplett bewusstlos, willenlos, absichtslos. Es fließen elektrische Ströme in ihm, die nicht von ihm gestartet werden. Die elektrischen Ströme erzeugen nicht die Ergebnisse. Die Hersteller (der Hardware) und Programmierer (der Software) des Computers haben den elektrischen Strömen Bedeutungen zugewiesen. Der Nutzer kennt die Bedeutungen des Outputs auf dem Ausgabegerät.
Was hier vom Computer gesagt wird, lässt sich analog vom Gehirn sagen. Das Gehirn ist bewusstlos, es will nicht, es weiß nicht, es hat keine Absichten. Das Phänomen, dass der Mensch ein Wesen ist, dass der Mensch ein Seelenleben in sich hat (mit Sinnes-Empfindungen, Gefühlen, Gedanken, kreativen Einfällen, Einfühlung, Gedächtnis, Vorstellungsvermögen), dass der Mensch ein Bewusstsein von der Welt, dass er ein Bewusstsein von sich selbst hat – das alles lässt sich nicht aus der Beschaffenheit des Gehirns heraus erklären. All diese Phänomene des menschlichen Bewusstseins und Wesens sind nicht kausal aus der Beschaffenheit des Gehirns abzuleiten. – Auch wenn das Gehirn dazu nötig ist, dass der Mensch sich mit diesen geistig-seelischen Phänomenen äußern kann.
Ursprünge dieser Haltung
Im 19. Jahrhundert bemerkten Wissenschaftler an unseren Sinnesqualitäten, dass es ja Licht- oder Schallwellen sind, die in unseren Augen bzw. Ohren die Reize verursachen. Augen und Ohren waren nun in dieser neuen wissenschaftlichen Sicht Apparate, die diese Wellen in elektrische Signale umwandelten und ans Gehirn schickten. Das Gehirn macht nun aus den empfangenen elektrischen Nervenimpulsen das, was wir naiverweise Töne, Farben, Bilder nennen. – Philosophisch-denkerisch wurden diese Erkenntnisse so begleitet, dass es also da draußen gar keine Töne gibt, sondern nur physikalische Schallwellen, dass es da draußen gar keine Farben gibt, sondern nur physikalische Lichtwellen.
Dies wurde nun für sämtliche Sinneserfahrungen so angenommen: Unsere bisher naiverweise angenommenen Sinnesqualitäten gibt es gar nicht, sondern das Gehirn macht ein Bild von der Welt, das es da draußen gar nicht gibt. Das Gehirn macht auf diese Weise all die Inhalte, Bilder, Gefühle, so dass man auch zu dem Schluss kam: das Gehirn macht dieses Bewusstsein, das Gehirn gaukelt dem Menschen vor, er habe ein Bewusstsein, er treffe Entscheidungen, er habe einen freien Willen. Tatsächlich gäbe es das alles nicht.
Heute
Bei den Gehirnforschern, den Gehirnphysiologen, den Neuro-Biologen besteht weit verbreitet die Auffassung, dass eigentlich die Datenströme im Gehirn, die elektrischen, die bio-chemischen Ereignisse im Gehirn das Bewusstsein, die Psyche, eine Seele verursachen. Und dass insofern eigentlich nur diese elektrischen, die bio-chemischen Ereignisse im Gehirn real sind, dass das Bewusstsein und die Psyche nur eine Illusion sind.
Das Gehirn wird gesehen als ein hoch-komplexes Organ, das von der Evolution in vollkommener Bewusstlosigkeit hervorgebracht worden ist und nun in der Lage ist, ein Bewusstsein zu erzeugen oder vorzugaukeln. Das Gehirn ist der Akteur (nicht der Mensch), und so sind Formulierungen möglich wie: „das Gehirn denkt“, „das Gehirn will es immer am besten machen“ oder der Buchtitel „Wie das Gehirn die Seele macht“.
Gefahren
Natürlich, kein Mensch glaubt im Ernst, dass es ihn selbst mit seinem Bewusstsein von sich selbst nicht gäbe, er statt dessen eigentlich nur ein fantastisch komplexer biologisch-chemischer Apparat sei, dem dieses Bewusstsein von sich Selbst nur vorgegaukelt werde. Trotzdem hat diese Art des Redens vom denkenden Gehirn Folgen.
Die Annahme, dass kognitive Schwierigkeiten eines Menschen (z.B. Lernschwierigkeiten in der Schule) mit Defekten im Gehirn erklärt und durch die Gabe von fehlenden Substanzen behoben werden können, ist weit verbreitet – bei Ärzten, Psychologen, Therapeuten und Psychiatern und somit auch bei den Patienten.
Mit diesem Kausaldenken zwischen den psychisch-kognitiven Leistungen und dem Organ Gehirn werden wir tagtäglich und allgegenwärtig in den Print- und Online-Medien konfrontiert. Es ist ein materialistisches Welt- und Menschenbild, das die kreativen, emotionalen, denkerischen Leistungen des Menschen immer in Abhängigkeit (kausaler Abhängigkeit) vom neuro-biologischen Apparat Gehirn und den stofflichen Abläufen darin sieht.
Auf diese Weise werden medizinische Behandlungsmethoden, die nicht auf der Gabe von pharmazeutischen Substanzen beruhen, bekämpft und verunmöglicht.
Aus diesem Welt- und Menschenbild wird eine Lernpsychologie, eine Entwicklungspsychologie abgeleitet, die nicht mehr den seelisch-geistigen Menschen, sondern das lernende Gehirn, das sich entwickelnde Gehirn im Blick hat: wie Lernen stattfinden und optimal gestaltet werden muss, ist dann nicht mehr vom konkreten, lernenden Menschen abhängig, sondern von den Erfordernissen des sich entwickelnden Gehirns. – Nicht mehr, wie sich der lernende, denkende, empfindende Mensch sich erlebt, ist für die Entwicklung einer Psychologie ausschlaggebend, sondern wie in Wirklichkeit der Denk- und Bewusstseins-Apparat Gehirn arbeitet, ist maßgebend.
Auf diesem materialistischen Menschenbild beruht die Vorstellung, dass man seine Leistungen im Beruf, seine körperlichen Leistungen (z.B. Ermüdungs-Resistenz), seine kognitiven Leistungen (Konzentration, Ausdauer, Intelligenz, Überzeugungskraft, Argumentations-Strategien) optimieren kann: durch Einnahme von Substanzen oder durch Psycho-Techniken, die das Potential des Gehirns ausschöpfen können. – Auf diesem Fundament ruht auch die transhumanistische Vorstellung von der Optimierung des Menschen durch eine bessere Hardware: Implantation kleiner Sensoren, kleiner Speicher oder kleiner Prozessoren unter der Haut, aber auch im Gehirn – bessere Vernetzung des menschlichen Gehirns mit Speichermedien, mit Rechnern.
Man begegnet fast nirgendwo mehr der Auffassung, dass der Mensch unabhängig von seinem Gehirn-Apparat ein zu beachtendes, zu bedenkendes, zu förderndes, zu unterstützendes Wesen sei.
