Zum Artikel auf DLF vom 25. Mai 2026 „Ich bin dann mal tanzen“ von Mariel McLaughlin (geboren 1993)
Die Nachrichtenlage ist derzeit von permanenten Katastrophen dominiert. Fast möchte man auf die Stopptaste drücken. Doch unser Alltag läuft weiter. Auch wenn das Benzin teurer wird und der Duschabfluss verstopft ist. Aber gerät dadurch nicht unser Weltverhältnis aus den Fugen?
Zwischen Eskapismus, Aktivismus und Optimismus entsteht ein Spannungsfeld unterschiedlicher Weltbewältigungsstrategien: Es reicht vom Feiern als möglicher Form politischer Verdrängung über trainierte Stress-Resilienz oder den statistisch begründeten Fortschrittsoptimismus der „New Optimists“ bis hin zum Aktivismus, der Hoffnung ins Handeln übersetzt, zugleich aber stets vom Risiko des Burn-outs begleitet ist.Manchmal denke ich, dass wir alle zwei Leben leben. Ein Alltagsleben, das den Horizont des forschen Spruchs eines Arbeitskollegen oder einer nicht abfließenden Dusche hat. Und eines, dem dämmert, wie lächerlich das alles wirken wird, wenn die Atombombe einmal fällt.
[Ich: oder das Leben wegen des Klimawandels und all seiner Folgen oder der enthemmten Entwicklung von KI und all ihrer Folgen unerträglich/unmöglich wird]Ein Abend im Januar: Der Präsident der USA droht, Grönland einzunehmen, weil er keinen Friedensnobelpreis bekommen hat – kurz nachdem er in Venezuela einmarschiert ist. In Gaza werden vom israelischen Militär weiter Zivilist*innen getötet. Immer noch Krieg in der Ukraine, eine hunderttausendfach tödliche Hungersnot im Sudan, ausgelöst durch den Bürgerkrieg, die Einwanderungsbehörde der USA, die Protestierende erschießt und Kinder im Vorschulalter festnimmt – um nur ein paar einst aktuelle Nachrichtenmeldungen zu nennen. Nachrichtenmeldungen, die kurzzeitig aufflackerten im dystopischen Grundrauschen aus Klimakatastrophe, weltweiter militärischer Aufrüstung und dem steten Erstarken ultraneoliberaler und rechter Ideologien. Und ich? Ich flüchte mich in Online‑Shopping. Ich schließe die Unbehagen auslösenden Tabs im Browser, um mich der Überlegung hinzugeben, welche Latzhose mir wohl am besten steht. Vermutlich sind im Zeitraum einer Viertelsekunde mein Ich und mein Über-Ich zu der Übereinkunft gekommen, dass Adorno Recht behält und es kein richtiges Leben im falschen gibt.
Wie lästige Fliegen verscheuche ich schnell die Meldungen über das höchst befremdliche Gebaren eines amtierenden US-Präsidenten, die überall sterbenden Menschen und die Kinder, die gerade traumatisiert werden. Wenn ich nicht unmittelbar im Affekt des Verscheuchens verfangen bin und meine Reaktionen auf die Nachrichten mit Abstand betrachte, bin ich von mir selbst verstört: Was ist das für eine Art, mit den existenziellen Krisen, die andere Menschen gerade durchleben, umzugehen? Ist mein eigenes Bewusstsein organisiert wie ein geschmackloser, konsumgeiler Instagram-Algorithmus, der zwischen Tier-Content und der neuesten Hautpflegerevolution auch mal einen Post über weibliche Genitalverstümmelung platziert?
Und dann frage ich mich, was denn der Umkehrschluss wäre – wie eine Existenz aussehen würde, in der man all diese Nachrichten wirklich fühlen würde. Müsste diese nicht zwangsläufig mit ihrem Hab und Gut beladen, wirres Zeug redend an Bahnhöfen enden? Denn wie sollte ein Mensch an all diesem Elend wirklich Anteil nehmen und trotzdem weiter in dieser Gesellschaft funktionieren können!?
Was auf einer Ebene moralisch notwendig erscheint – jedes verlorene Leben, jede Katastrophe adäquat zu betrauern – erscheint auf einer anderen psychologisch unmöglich oder mindestens unratsam.
Der Spagat zwischen diesen beiden Welten wird immer schwieriger, wird immer unmöglicher – wenn man diese zwei völlig unterschiedlichen Welten überhaupt bemerkt. Ich beobachte, wie so viele Menschen weiter (und immer exzessiver) feiern gehen, Urlaub machen, Streamingportale, Zockerportale genießen und die extraordinären Entwicklungen der Gegenwart immer noch mit alten Urteilen einordnen.
Da wird in gewohnter Weise auf die Politiker geschimpft – und nicht erkannt, dass kein Politiker der Welt die Probleme lösen kann, in die wir uns als Weltgemeinschaft über die vergangenen Jahrzehnte hineinmanövriert haben. Dass jede sinnvolle weltweite Vereinbarung, die den Frieden, das verträgliche Wirtschaften und die Begrenzung des Klimawandels befördern würde, durch persönlichen Egoismus einzelner „Staatsmänner“ und nationalen Egoismus verhindert wird.
In so gut wie allen Politik- und Lebensfeldern sind wirtschaftliche, kapitalistische Interessen dominant: ob das die Bekämpfung des weltweiten Hungers ist, ob das die Entwicklung von KI ist, ob das der Schutz von Landschaften, Meeren, Wäldern oder Tieren ist – immer gibt es da Geld zu verdienen und das Geldverdienen ist ja für den menschlichen Komfort, für den technischen Fortschritt, für den Erhalt und die Weiterentwicklung „unseres“ Wohlstands so wesentlich wichtig.
