Denken – Bewusstsein II

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Verursacht mein Gehirn mein Bewusstsein? – Verursacht der Wegweiser das Abbiegen des Wanderers?

Die moderne Wissen­schaft denkt in Ursache-Wirkung-Bezügen. Und durch die Natur­wissen­schaft geprägt, die von den realen Stoffen in Physik, Chemie und Bio­logie ausgeht, werden alle Phänomene so kausal-natur­wissen­schaft­lich be­trachtet. Auch alle see­lischen, sozia­len, emo­tionalen Phäno­mene im Geistig-See­lischen des Menschen. – Die Pro­zesse im Körper, im Gehirn – chemisch, biologisch, neuro-physio­logisch – sind in dieser Sicht­weise die Ursachen aller emo­tionalen, aller sozi­alen, aller krea­tiven, aller kog­nitiven Äuße­rungen des Menschen. – So werden im so­genannten Reduk­tionismus all diese geistig-see­lischen Lebens-Äuße­rungen (Leis­tungen, Fähig­keiten, Fertig­keiten) des Menschen zurück­geführt (ur­säch­lich re­duziert) auf diese – im wei­testen Sinne – physi­kalischen Pro­zesse.

Die Wissen­schaftler (nicht nur die Laien-Bevöl­kerung) haben diese Auf­fas­sung so sehr ver­inner­licht, dass sie sie gar nicht mehr be­merken, dass sie sie als un­hinter­fragbar, als gegeben voraus­setzen. Sie können sie gar nicht mehr hinter­fragen (als bezwei­fel­bar wahr­nehmen), da sie sie nicht mehr be­merken.

Ursache vs. Bedeutung

Der Weg­weiser mit seinem Holz und seiner Farbe weiß nichts von dem, was er „sagt“. Er ver­ur­sacht nicht die Rich­tungs­änderung des Wanderers. Er beein­flusst nicht das Bewusst­sein des Wan­derers. Er ist nicht klug, er ist nicht wollend, er ist nicht orien­tierung-gebend: Das alles war der Mensch, der den Weg­weiser her­ge­stellt und be­schriftet hat. Der Mensch, der den Weg­weiser be­schrif­tet hat, hat der Farbe, den Formen der Zeichen ihre Be­deu­tung gegeben. Der Leser (der Wanderer) lebt im gleichen Kultur­horizont wie der Her­steller des Weg­weisers und kennt auch die Bedeu­tung der Zeichen.

Der Taschen­rechner oder der Com­puter weiß nichts von dem, was er „sagt“. Er kann nicht „rechnen“, er kann keine Recht­schreibung. Er ist komplett bewusst­los, willen­los, absichts­los. Es fließen elek­trische Ströme in ihm, die nicht von ihm ge­star­tet werden. Die elek­trischen Ströme erzeugen nicht die Er­geb­nisse. Die Her­steller (der Hard­ware) und Pro­gram­mierer (der Soft­ware) des Com­puters haben den elekt­rischen Strömen Be­deu­tungen zu­gewiesen. Der Nut­zer kennt die Be­deu­tungen des Out­puts auf dem Aus­gabe­gerät.

Was hier vom Com­puter gesagt wird, lässt sich ana­log vom Ge­hirn sagen. Das Gehirn ist bewusst­los, es will nicht, es weiß nicht, es hat keine Ab­sichten. Das Phänomen, dass der Mensch ein Wesen ist, dass der Mensch ein Seelen­leben in sich hat (mit Sinnes-Emp­fin­dungen, Ge­fühlen, Gedan­ken, krea­tiven Ein­fällen, Ein­fühlung, Ge­dächtnis, Vor­stellungs­ver­mögen), dass der Mensch ein Bewusst­sein von der Welt, dass er ein Bewusst­sein von sich selbst hat – das alles lässt sich nicht aus der Be­schaffen­heit des Gehirns heraus er­klären. All diese Phäno­mene des mensch­lichen Bewusst­seins und Wesens sind nicht kausal aus der Be­schaffen­heit des Ge­hirns ab­zuleiten. – Auch wenn das Ge­hirn dazu nötig ist, dass der Mensch sich mit diesen geis­tig-see­lischen Phäno­menen äußern kann.

Ursprünge dieser Haltung

Im 19. Jahr­hundert bemerk­ten Wissen­schaft­ler an unseren Sinnes­qualitäten, dass es ja Licht- oder Schall­wellen sind, die in unseren Augen bzw. Ohren die Reize ver­ur­sachen. Augen und Ohren waren nun in dieser neuen wissen­schaft­lichen Sicht Appa­rate, die diese Wellen in elek­trische Sig­nale um­wandelten und ans Gehirn schickten. Das Gehirn macht nun aus den emp­fangenen elek­trischen Nerven­impulsen das, was wir naiver­weise Töne, Farben, Bilder nennen. – Philo­sophisch-denke­risch wurden diese Er­kennt­nisse so be­gleitet, dass es also da draußen gar keine Töne gibt, sondern nur physi­kalische Schall­wellen, dass es da draußen gar keine Far­ben gibt, sondern nur physi­kalische Licht­wellen.

Dies wurde nun für sämt­liche Sinnes­erfah­rungen so an­genommen: Unsere bisher naive­rweise ange­nommenen Sinnes­qualitäten gibt es gar nicht, sondern das Gehirn macht ein Bild von der Welt, das es da draußen gar nicht gibt. Das Gehirn macht auf diese Weise all die Inhalte, Bilder, Gefühle, so dass man auch zu dem Schluss kam: das Gehirn macht dieses Bewusst­sein, das Gehirn gaukelt dem Menschen vor, er habe ein Bewusst­sein, er treffe Ent­schei­dungen, er habe einen freien Willen. Tat­säch­lich gäbe es das alles nicht.

Heute

Bei den Gehirn­forschern, den Gehirn­physio­logen, den Neuro-Bio­logen besteht weit ver­brei­tet die Auf­fas­sung, dass eigent­lich die Daten­ströme im Ge­hirn, die elek­trischen, die bio-chemi­schen Er­eig­nisse im Gehirn das Be­wusst­sein, die Psyche, eine Seele ver­ur­sachen. Und dass in­sofern eigent­lich nur diese elek­trischen, die bio-chemi­schen Er­eig­nisse im Ge­hirn real sind, dass das Bewusst­sein und die Psyche nur eine Illu­sion sind.

Das Ge­hirn wird gesehen als ein hoch-kom­plexes Or­gan, das von der Evo­lution in voll­kom­mener Bewusst­losig­keit her­vor­ge­bracht worden ist und nun in der Lage ist, ein Be­wusst­sein zu er­zeugen oder vor­zu­gaukeln. Das Ge­hirn ist der Ak­teur (nicht der Mensch), und so sind For­mulie­rungen mög­lich wie: „das Ge­hirn denkt“„das Ge­hirn will es immer am bes­ten machen“ oder der Buch­titel „Wie das Ge­hirn die Seele macht“.

Gefahren

Natür­lich, kein Mensch glaubt im Ernst, dass es ihn selbst mit seinem Bewusst­sein von sich selbst nicht gäbe, er statt dessen eigent­lich nur ein fan­tastisch kom­plexer bio­logisch-che­mischer Appa­rat sei, dem dieses Bewusst­sein von sich Selbst nur vor­gegau­kelt werde. Trotz­dem hat diese Art des Redens vom denkenden Gehirn Folgen.

Die An­nahme, dass kogni­tive Schwierig­keiten eines Menschen (z.B. Lern­schwierig­keiten in der Schule) mit De­fekten im Gehirn erklärt und durch die Gabe von feh­lenden Subs­tanzen be­hoben werden können, ist weit ver­breitet – bei Ärzten, Psycho­logen, Thera­peuten und Psychi­atern und somit auch bei den Patienten.

Mit diesem Kausal­denken zwischen den psychisch-kog­nitiven Leis­tungen und dem Organ Gehirn werden wir tag­täg­lich und all­gegen­wärtig in den Print- und Online-Medien kon­fron­tiert. Es ist ein materia­listisches Welt- und Menschen­bild, das die kreativen, emotionalen, denke­rischen Leis­tungen des Menschen immer in Ab­hängig­keit (kau­saler Ab­hängig­keit) vom neuro-bio­logischen Appa­rat Gehirn und den stoff­lichen Ab­läufen darin sieht.

Auf diese Weise werden medi­zinische Be­hand­lungs­methoden, die nicht auf der Gabe von pharma­zeutischen Sub­stanzen be­ruhen, bekämpft und verun­möglicht.

Aus diesem Welt- und Menschen­bild wird eine Lern­psycho­logie, eine Ent­wick­lungs­psycho­logie ab­gelei­tet, die nicht mehr den seelisch-geis­tigen Menschen, sondern das lernende Gehirn, das sich ent­wickelnde Gehirn im Blick hat: wie Lernen statt­finden und optimal ge­stal­tet werden muss, ist dann nicht mehr vom kon­kreten, ler­nenden Men­schen ab­hängig, sondern von den Er­forder­nissen des sich ent­wickelnden Gehirns. – Nicht mehr, wie sich der lernende, denkende, empfindende Mensch sich erlebt, ist für die Ent­wick­lung einer Psycho­logie aus­schlag­gebend, sondern wie in Wirk­lich­keit der Denk- und Bewusst­seins-Appa­rat Gehirn ar­beitet, ist maß­gebend.

Auf diesem mater­ialis­tischen Menschen­bild be­ruht die Vor­stellung, dass man seine Leis­tungen im Beruf, seine körper­lichen Leis­tungen (z.B. Ermü­dungs-Resis­tenz), seine kog­nitiven Leis­tungen (Kon­zen­tration, Aus­dauer, Intelli­genz, Über­zeugungs­kraft, Argu­menta­tions-Stra­tegien) opti­mieren kann: durch Ein­nahme von Sub­stanzen oder durch Psycho-Tech­niken, die das Poten­tial des Ge­hirns aus­schöp­fen können. – Auf diesem Fun­dament ruht auch die trans­huma­nistische Vor­stellung von der Opti­mierung des Men­schen durch eine bessere Hard­ware: Implan­tation kleiner Sen­soren, kleiner Spei­cher oder kleiner Pro­zessoren unter der Haut, aber auch im Ge­hirn – bessere Ver­net­zung des mensch­lichen Ge­hirns mit Speicher­medien, mit Rechnern.

Man begegnet fast nir­gend­wo mehr der Auf­fassung, dass der Mensch unab­hängig von seinem Ge­hirn-Appa­rat ein zu beach­tendes, zu beden­kendes, zu för­derndes, zu unter­stüt­zendes Wesen sei.